Ein Denkanstoß

Tim Werner von der Tierrechtsgruppe Münster for Liberation veranstaltet regelmäßig Demonstrationen, bei denen Passanten auf der Straße Videomaterial aus Mast- und Schlachtbetrieben gezeigt wird mit dem Ziel, die Menschen für das Schicksal der Tiere in dieser Industrie zu sensibilisieren.
Während einer solchen Demonstration in Iserlohn im Oktober 2018 konnte er ein sehr ergreifendes Gespräch mit einem ehemaligen Schlachthaus-Mitarbeiter führen.

Rinder auf einer Wiese
Foto: marys_fotos@pixabay

„Nachdem ich einen Mann ansprach, welcher stehen geblieben war, um unser Videomaterial zu betrachten, erzählte dieser mir folgendes: „Ich habe bis vor einem Jahr im Schlachthaus gearbeitet. Ich konnte das dann nicht mehr. Wenn ich morgens schon das Blut gerochen habe, ist mir schlecht geworden. Überall Blut – es spritzt einem ins Gesicht und es läuft einem in großen Bächen zwischen den Füßen durch zum Abfluss. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, diese wunderschönen sanften Geschöpfe (Rinder) zu ermorden. Sie standen vor mir und haben gezittert und sie haben sogar geweint, weil sie genau wussten, was sie erwartet.
Ich habe sie mit der einen Hand gestreichelt und mit der anderen Hand habe ich ihnen den Bolzenschuss verpasst. Aber die sind dadurch nicht tot und meist auch nicht richtig betäubt. Die haben ganz oft danach noch genau mitbekommen, wie ihnen der Hals aufgeschlitzt wurde. Das war doppelte Quälerei für die Tiere. Ich wollte das nicht mehr erleben müssen, 125 Rinder am Tag zu ermorden. 125 Lebewesen! Jeden Tag! Deshalb habe ich da gekündigt.“

Sein hautnaher Bericht ist mir äußerst nahe gegangen und er beschäftigt mich noch jetzt.
Ich hatte Tränen in den Augen – genau wie er, während wir uns im Gespräch in diese Situation versetzten. Doch leider reichte diese traumatische Vergangenheit nicht aus, ihn dazu zu bringen, keine Tiere mehr zu essen.

Heute lässt er andere Menschen das Morden für ihn übernehmen. Er beruhigt sein Gewissen damit, nur noch einmal die Woche Fleisch zu essen und dann auch nur, wenn es „human getötet“ wurde.
Im Gespräch konnten wir gemeinsam herausarbeiten und uns darauf einigen, dass
– wir kein Fleisch brauchen um zu überleben,
– Fleisch zu essen nicht gesund ist,
– Tiere Lebewesen sind, die nicht sterben wollen,
– es keine humane Art gibt, jemanden zu töten, der nicht sterben will.

Er konnte oder wollte nicht die logische Schlussfolgerung aussprechen, dass wir es dann einfach nicht tun sollten – dieses Blutvergießen. Doch es begann sichtlich in ihm zu arbeiten und seine feuchten Augen schauten tief in meine feuchten Augen. Wir gaben uns die Hände und berührten uns mit der anderen Hand an der Schulter. Ich drückte die Hand, die bis vor einem Jahr noch 125 Rinder am Tag tötete. Es war in dem Moment eine wortlose aber sehr enge Verbindung, die tausend Worte sprach. Wir berührten uns gegenseitig im Herzen.

Er bekam zum Abschied eine Infokarte von mir und ich wünschte ihm von Herzen alles Gute, denn ich konnte spüren, wie sehr ihn diese unzähligen Morde auf der Seele lagen. Ich konnte ihm das Versprechen abverlangen, sich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen und das ist wundervoll. Das war heute eine äußerst emotionale Erfahrung für mich. Das ist es, was wir tun, wenn wir auf der Straße stehen. Wir berühren Menschen. Im Herzen. Auch uns selbst.“

Weiterführender Link:

http://tierrechtstreff-muenster.de/

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