Geschichten von der Pflegestelle: Cassie und der beste Ehemann von Allen – Teil 2

Von Eva Volk/ SAMT e. V. Anruf: „Trächtige Katze in Not braucht Unterkunft!“

Da saß doch tatsächlich die Mieze, die sich seit drei Jahren nicht fangen ließ, endlich in der Falle und wurde samt dieser ins neue Katzenzimmer verfrachtet.

Als Erstes wurde der Mieze mal ein Name verpasst. Sie heißt jetzt Cassie. Nachdem das erledigt war, versuchten die beiden Eheleute, die vermaledeite Falle zu öffnen, was nicht ganz einfach war, da zum einen an der merkwürdigen Konstruktion etwas gebrochen war und zum anderen die Mieze ausgesprochen übellaunig reagierte. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Cassie eine Wilde war, die offensichtlich noch nie beim Menschen gelebt hatte. Das bestätigte sich, als die Falle endlich offen war. Herausgeschossen kam eine völlig panische Katze, die als erstes beschloss, dass man an einem Leerrohr doch bestimmt zwei Meter in die Höhe klettern kann, verblüfft beobachtet von ihren Gasteltern. Sekunden später sprang Cassie wieder herab, rannte quer durch den Raum, sprang an der nagelneuen Wand hoch und klammerte sich knapp unter der Decke an den Kaninchendraht. An dem kann man übrigens prima die ganze Länge des Zimmers hin und her kraxeln. Da oben war es auch furchtbar, also mit einem Riesensatz wieder runter und hektisch zum Fenster hochgesprungen, das Ganze unter Geknurre und Gefauche, das mehr an einen Panther denn an eine Katze erinnerte. Von da wieder zurück ans Gitter unter der Decke und von dort auf den Rand der Tür.

An der Stelle muss erwähnt werden, dass leider niemand daran gedacht hatte, auch innen an der Tür einen Riegel anzubringen. Demzufolge musste man die Tür von innen zu halten, damit die panische Katze nicht entkommen konnte. Da kommt Freude auf, wenn man das machen muss, während direkt über einem eine zu allem entschlossene Katze lauert und man nur darauf wartet, dass sie herunterspringt und einen zermetzelt. Der tapfere Ehemann hat das Ganze aber unbeschadet überstanden.

Irgendwann war Cassie dann von der Tür runter und unsere Helden verließen fluchtartig und schweißgebadet den Raum. Ihnen dicht auf den Fersen die Kampfkatze. Als sie dann mittig auf der Tür hing, konnte man von außen hervorragend sehen, dass ihre Zitzen sehr stark ausgeprägt waren. Ab diesem Zeitpunkt machten sich alle nur noch Sorgen. Was, wenn Cassie ihre Kleinen schon bekommen hatte? Dann würden sie zugrunde gehen ohne ihre Mama. Also wurde an der Fangstelle eine Suche initiiert, allerdings ohne Erfolg. Die Nerven bei allen Beteiligten waren zum Zerreißen gespannt.

Cassie hatte sich irgendwann beruhigt und nachts sogar richtig viel gefressen. Sie grummelte und fauchte, sobald jemand kam, griff aber immerhin nicht an. Ansonsten tat sich nichts. Die Sorgen wurden immer größer. Doch dann, am zweiten Tag war es so weit: Ein Baby war da! Die Pflegeeltern waren außer sich vor Erleichterung. Sofort wurde die gute Nachricht verbreitet. Zwei Stunden später waren es schon drei Kätzchen. Das schien es gewesen zu sein. Denkste. Mit Verspätung gesellte sich schließlich noch Nummer Vier dazu.

Cassie kümmerte sich, trotz der für sie gruseligen Situation, von Anfang an liebevoll um ihre Kleinen. Dumm nur, dass sie sich für die Geburt eine viel zu kleine Kratzbaumhöhle ausgesucht hatte, in der sie sich nicht richtig ausstrecken konnte. Prompt lagen am nächsten Morgen drei Kätzchen vor der Höhle, anstatt sich an Mama zu kuscheln. Was nun? Mal eben nehmen und zu Cassie reinlegen, kam nicht in Frage, da keiner Lust auf einen Krankenhausaufenthalt hatte. Und Cassie machte deutlich, dass sie sehr gerne zu einem solchen verhelfen würde. Nach längerem Nachdenken (und mit Schweißerhandschuhen ausgestattet) wurden die Kleinen auf ein Kehrblech gesetzt und konnten von diesem gaaanz vorsichtig zurück zu Mama rutschen. Die kommentierte das Ganze auf eine Art und Weise, dass einem das Blut in den Adern gefror. Puuuh, geschafft.

Abends lagen die Kleinen blöderweise schon wieder davor. Nicht hilfreich. Zudem hätten sie auch noch von dem Podest fallen können, auf welchem die Geburtshöhle stand. Normalerweise nimmt man Katzen die Örtlichkeit nicht weg, die sie sich für die Geburt ausgesucht haben, aber so ging das wirklich nicht. Also musste, unter größten Befürchtungen hinsichtlich der Kampfbereitschaft der Mieze, die Katzen-Mama aus der Höhle herauskomplimentiert werden. Es folgt wieder die Sache mit Wand rauf, am Gitter hängen, runterfallen, wieder an der Tür hoch (die übrigens mittlerweile auch innen einen Riegel hatte). Half aber alles nichts. Ruckzuck wurde auf das Podest ein riesengroßer Karton gestellt zwecks Absturzsicherung. Hinein kam ein deutlich größerer Korb und da hinein die Kleinen. Cassie beobachtete das alles höchst unerfreut. Sie saß, nachdem die unheimlichen Menschen endlich verschwunden waren, etwa eine halbe Stunde auf der Fensterbank und ging dann (Halleluja!) zu ihren Kleinen. Die Sorge, dass sie mit ihren Kleinen wieder umziehen könnte, war unbegründet, sie akzeptierte das neue Körbchen. Jetzt konnte sie sich endlich ordentlich ausstrecken und alle Kleinen kamen bequem an die Milchbar. Seither ist auch kein Baby mehr herausgepurzelt.

Um immer auf dem Laufenden zu sein, hängt mittlerweile im Katzenzimmer eine Kamera, die bequem vom Wohnzimmer aus mit dem Tablet bedient werden kann. Wenn Cassie wüsste, dass sie jetzt quasi gestalkt wird …

Eine Herausforderung stellt das tägliche Wiegen der Katzenkinder dar, denn Cassie ist – wie nicht anders zu erwarten – wenig begeistert, wenn man an ihre Kleinen will. Da man die arme Maus aber nicht jeden Tag aus ihrem Korb schütteln kann, mit anschließendem hektischen Geturne, mussten andere Optionen her. Es hat sich gezeigt, dass das Kehrblech vielseitig einsetzbar ist. Wenn man es der Mamakatze vor die Nase hält, sodass sie nichts mehr sieht, kann man ihr auf der anderen Seite vorsichtig die Babys wegnehmen. Natürlich empfiehlt sich auch hier der Einsatz von geeigneten Handschuhen. Sie schimpft zwar, lässt es aber zu. Der Rückweg für die Kleinen erfolgt dann wieder, wie bereits erprobt, quasi per Rutsche.

Jedenfalls entwickeln sich die Kleinen prächtig. Es sind – so wie es scheint – drei Mädels und ein Kerl. Er ist der Dickste von Allen, was auch sonst. Cassie ist mittlerweile ruhiger geworden und erträgt kurze Besuche, auch wenn sie Menschen immer noch extrem doof findet. Aber sie ist eine tolle Mama. Ach ja, der beste Ehemann von Allen ist übrigens inzwischen rettungslos verliebt in die Kätzchen. Er meint, man könnte ja eigentlich noch das eine oder andere Plätzchen auf der Couch finden …

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